Nebenberuflich gründen: Wann der Sprung wirklich trägt
Nebenberuflich gründen: Wann der Sprung wirklich trägt
– SIE ARBEITEN ABENDS AN IHREM BUSINESS UND FRAGEN SICH: WANN SOLL ICH KÜNDIGEN?
Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Und ich verstehe gut, warum sie so schwer zu beantworten ist. 😊
Denn eigentlich ist nebenberuflich zu gründen erst einmal der vernünftigste Weg in die Selbstständigkeit: Das Gehalt läuft weiter, das Risiko bleibt überschaubar, und Sie können in Ruhe ausprobieren, ob Ihre Idee trägt. Und trotzdem kommt irgendwann der Punkt, an dem es kippt. Entweder, weil Sie merken: Das läuft, jetzt will ich mehr. Oder weil Sie an einem Sonntagabend feststellen, dass Sie seit Monaten zwei Jobs machen und bei beiden nicht mehr richtig da sind. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Beides ist ein Zeichen dafür, dass eine Entscheidung ansteht. Nur welche?
Über die Anmeldung beim Finanzamt und die Grenzen der Krankenkasse finden Sie im Netz reichlich Beiträge. Über die eigentlich schwierige Frage steht dort selten etwas: Wann trägt es genug, um zu springen? Und genau das ist heute unser Thema 😊.
DAS ERWARTET SIE HEUTE:
Warum „irgendwann reicht es schon“ keine Planung ist
Wenn ich frage, wann der Absprung kommen soll, höre ich fast immer dieselbe Antwort: wenn genug Aufträge da sind. Das klingt vernünftig, oder? Ist aber leider keine Entscheidungsgrundlage. Denn „genug“ kann sich schnell verschieben. Läuft es gut, will man erst noch das nächste Projekt abwarten. Läuft es weniger gut, wartet man sowieso.
Ich habe Personen erlebt, die drei Jahre lang nebenbei gearbeitet haben und am Ende genauso unsicher waren wie am ersten Tag. Nicht, weil ihre Idee schlecht gewesen wäre. Sondern weil nie festgelegt war, worauf sie eigentlich warten.
Und dann gibt es da noch einen Denkfehler, der mir immer wieder begegnet. Den möchte ich Ihnen unbedingt mitgeben, weil er später richtig wehtun kann: Die Umsätze aus dem Nebenberuf lassen sich nicht einfach hochrechnen.
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten neben Ihrem Job zehn Stunden pro Woche an Ihrem Business und verdienen damit 800 Euro. Ok… aber das heißt eben nicht auch direkt, dass Sie in Vollzeit 3.200 Euro verdienen. Warum nicht? Weil Sie im Nebenberuf fast ausschließlich bezahlte Arbeit machen. Die Akquise läuft nebenbei über Empfehlungen, die Buchhaltung schieben Sie aufs Wochenende, Marketing findet ehrlicherweise kaum statt.
In der Vollzeit-Selbstständigkeit gehen für all das schnell 30 bis 40 Prozent Ihrer Zeit drauf. Und Sie brauchen plötzlich viermal so viele Kundinnen und Kunden, die Sie mit deutlich weniger Empfehlungen finden müssen. Bitte keine Panik, das ist keine Warnung, sondern nur ein Rechenhinweis. 😊 Und damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt.
Die drei Zahlen, die Sie wirklich brauchen
Bevor Sie über den Zeitpunkt nachdenken, brauchen Sie drei Zahlen. Keine Sorge, keine zehn und auch keine perfekte Finanzplanung. Es reichen erstmal drei.
➡️ Zahl 1: Was Sie tatsächlich zum Leben brauchen
Und damit meine ich nicht Ihr Wunscheinkommen, sondern Ihr Minimum: Miete, Versicherungen, Lebenshaltung. Plus die Kosten, die mit der Selbstständigkeit dazukommen.
Ein Punkt wird dabei fast immer unterschätzt: Kranken- und Rentenversicherung zahlen Sie ab dem Absprung selbst. Das ist für viele die größte Überraschung. Und legen Sie bitte auch eine Rücklage für Steuernachzahlungen dazu, denn die kommen später und dann gern geballt.
Das ist die Zahl, die Ihr Business erwirtschaften muss. Nicht Umsatz, sondern das, was am Ende bei Ihnen ankommt.
➡️ Zahl 2: Was ein Kunde Ihnen im Schnitt bringt
Ihr durchschnittlicher Auftragswert. Wenn Ihre Angebote unterschiedlich groß sind, nehmen Sie einfach den Mittelwert Ihrer letzten fünf oder zehn Aufträge. Das reicht völlig aus.
➡️ Zahl 3: Wie viele Kundinnen Sie pro Monat realistisch bedienen können
Und jetzt bitte ehrlich sein. 😊 Und zwar in Vollzeit, mit allem, was dazugehört.
Nehmen wir an, Sie beraten und ein Termin dauert 90 Minuten. Dann rechnen Sie Vorbereitung, Nachbereitung und Fahrzeit dazu. Aus 90 Minuten werden schnell drei Stunden. Bei 25 wirklich verfügbaren Arbeitsstunden pro Woche sind das dann eben nicht 16 Termine, sondern acht. Aus diesen drei Zahlen ergibt sich Ihre Antwort: Wie viele Kunden brauche ich pro Monat, damit es trägt? Und dann die zweite Frage: Wie viele habe ich heute? Der Abstand zwischen diesen beiden Zahlen ist Ihre eigentliche Aufgabe. Alles andere ist Bauchgefühl, und darauf möchten Sie so eine Entscheidung vermutlich nicht stützen.
Übrigens: Genau diese Rechnung bauen wir in meinem Arbeitsbuch „me and my businessplan“ Schritt für Schritt auf, mit Beispielen und Leitfragen. Falls Sie das gern in Ruhe für sich durchgehen möchten: ➜ Hier geht es zum Arbeitsbuch. 😊
Woran Sie merken, dass Sie sich verzetteln
Der Nebenberuf hat eine Tücke, über die selten jemand spricht: Er kann zum Dauerzustand werden, in dem am Ende beides nicht mehr richtig funktioniert. Bei diesen vier Anzeichen werde ich hellhörig:
➡️ Sie machen nur noch das, was schnell geht. Kundenarbeit ja, aber keine Akquise, kein Marketing, keine Weiterentwicklung. Das ist bei zehn Stunden pro Woche total verständlich. Nur wächst Ihr Business dann eben nicht, es läuft nur mit.
➡️ Ihre Kundinnen kommen alle aus einer Quelle. Meist aus dem aktuellen Job oder dem persönlichen Umfeld. Das trägt im Nebenberuf wunderbar, versiegt aber häufig genau dann, wenn Sie kündigen.
➡️ Sie verschieben Termine, weil der Hauptjob dazwischenkommt. Einmal ist völlig normal, das passiert. Regelmäßig kostet es Sie aber genau die Kundinnen, die Sie für den Absprung brauchen.
➡️ Sie arbeiten seit über einem Jahr nebenbei und die Umsätze sind gleich geblieben. Dann ist es kein Aufbau mehr, sondern ein Zusatzverdienst. Und das kann eine richtig gute Sache sein! Es ist nur etwas anderes als eine Gründung, und diese Entscheidung sollten Sie bewusst treffen und nicht aus Versehen.
Drei Wege aus dem Nebenberuf heraus
Jetzt kommt die gute Nachricht: Es gibt nicht nur ganz oder gar nicht. Drei Varianten, die in der Praxis gut funktionieren:
- Der Stichtag. Sie legen ein Datum fest und arbeiten darauf hin, sagen wir neun Monate. Bis dahin bauen Sie auf, danach kündigen Sie, unabhängig davon, wie voll Ihr Kalender ist. Klingt mutig, ich weiß. Wirkt aber erstaunlich gut, denn ein festes Datum verändert, wie ernst Sie die Akquise nehmen.
- Die Zielzahl. Sie kündigen, wenn Sie X Monate in Folge Y Kundinnen hatten. Zum Beispiel: drei Monate hintereinander mindestens sechs. Das ist die sicherste Variante, sie braucht allerdings Disziplin. Sonst verschiebt sich das Ziel nach oben, kaum dass Sie es erreicht haben. 🙂
- Die Zwischenstufe. Sie reduzieren zuerst auf Teilzeit. Weniger Einkommen, dafür deutlich mehr Zeit für Akquise und Aufbau. Für viele ist das der realistischste Weg, gerade mit Familie. Ein Tipp dazu: Sprechen Sie früh mit Ihrer Führungskraft, so etwas dauert oft länger, als man denkt.
Welcher Weg zu Ihnen passt, hängt von Ihrer Risikobereitschaft ab, von Ihren Rücklagen und davon, ob Sie zu Hause jemanden haben, der das mitträgt. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur den Weg, der zu Ihrer Situation passt.
Vom Nebenerwerb zum Haupterwerb: Was sich formal ändert
Wenn die Entscheidung gefallen ist, kommt noch ein praktischer Teil dazu. Ich gehe hier bewusst nicht in die Tiefe, denn das sind Steuer- und Versicherungsfragen, und die gehören in fachkundige Hände. Aber Sie sollten wissen, dass diese Punkte auf Sie zukommen:
➡️ Die Ummeldung beim Gewerbeamt. Aus dem Nebengewerbe wird ein Hauptgewerbe. Das melden Sie dort, wo Sie damals angemeldet haben.
➡️ Die Krankenversicherung. Solange Ihre Selbstständigkeit als nebenberuflich gilt, laufen Sie meist über Ihren Arbeitgeber mit. Sobald sie als hauptberuflich eingestuft wird, ändert sich das grundlegend. Wichtig: Diese Einstufung nimmt Ihre Krankenkasse vor, und die Kriterien dafür sind nicht selbsterklärend. Fragen Sie dort früh nach, am besten bevor Sie kündigen. Wer das schleifen lässt, riskiert Nachzahlungen.
➡️ Die Rentenversicherung. Je nach Tätigkeit kann Versicherungspflicht bestehen. Auch das klären Sie besser vorher als hinterher.
➡️ Steuern und Vorauszahlungen. Ihr Finanzamt setzt Vorauszahlungen fest, sobald ein höherer Gewinn erwartet wird. Sprechen Sie das mit Ihrer Steuerberatung durch, dann kommt die erste Nachzahlung nicht überraschend.
➡️ Ihr Arbeitsvertrag. Viele Verträge enthalten Regelungen zu Nebentätigkeiten. Ein Blick hinein lohnt sich früh, nicht erst beim Kündigungsgespräch.
Mein Rat: Machen Sie einen Termin bei Ihrer Steuerberatung, bevor Sie kündigen, nicht danach. Das kostet Sie einmal ein paar hundert Euro und erspart Ihnen im schlechten Fall ein Vielfaches.
Und wenn die Zahlen noch nicht reichen?
Dann ist das kein Scheitern – wirklich nicht. Es ist eine Information, und zwar eine ziemlich wertvolle. Schauen Sie sich einfach an, woran es liegt:
Fehlen Ihnen Kundinnen? Dann ist Akquise Ihr Thema. Und die braucht Zeit, die Sie im Nebenberuf kaum haben. Das spricht ziemlich deutlich für die Zwischenstufe.
Ist Ihr Preis zu niedrig? Das kommt häufiger vor, als Sie denken. Viele nebenberuflich Gründende kalkulieren mit dem Gefühl „ich mache das ja nur nebenbei“ und schleppen genau diesen Preis später in die Vollzeit mit. Dort trägt er dann nicht mehr.
Oder ist Ihr Angebot zu breit? Wenn Sie alles für alle machen, wird die Akquise mühsam. Je klarer Ihr Angebot, desto eher fällt anderen Menschen jemand ein, den sie Ihnen empfehlen können.
Häufige Fragen
Ab wann lohnt sich der Wechsel in die hauptberufliche Selbstständigkeit?
Wenn Ihr Business über mehrere Monate hinweg so viel erwirtschaftet, dass Ihre Lebenshaltungskosten plus Kranken- und Rentenversicherung plus eine Steuerrücklage gedeckt sind. Wichtig: Rechnen Sie dabei mit einer realistischen Vollzeit-Auslastung, nicht mit dem Hochrechnen Ihrer Nebenberufsstunden. In der Vollzeit geht ein erheblicher Teil Ihrer Zeit für Akquise, Marketing und Verwaltung drauf.
Wie viele Kunden brauche ich, bevor ich kündige?
Das können Sie ausrechnen. Nehmen Sie Ihren monatlichen Bedarf und teilen Sie ihn durch Ihren durchschnittlichen Auftragswert. Die Zahl, die dabei herauskommt, ist Ihr Ziel. Und dann schauen Sie, wie viele Kunden Sie heute haben. Der Abstand zwischen beiden Zahlen ist Ihre Aufgabe für die nächsten Monate.
Wie lange sollte ich nebenberuflich gründen, bevor ich den Schritt gehe?
Dafür gibt es keine feste Regel. Was ich in der Praxis sehe: Unter sechs Monaten ist es schwer, verlässliche Zahlen zu haben. Nach zwei bis drei Jahren ohne Wachstum ist es meist kein Aufbau mehr, sondern ein Zusatzverdienst. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern ob Ihre Umsätze steigen.
Muss ich mein Nebengewerbe ummelden, wenn ich hauptberuflich starte?
Ja, die Ummeldung nehmen Sie beim Gewerbeamt vor. Daneben sollten Sie rechtzeitig mit Ihrer Krankenkasse und Ihrer Steuerberatung sprechen, weil sich Beiträge und Vorauszahlungen ändern.
Fazit
Der Sprung in die Selbstständigkeit ist keine Frage von Mut, sondern von Klarheit. Wer weiß, welche Zahl er braucht und wie weit er heute davon entfernt ist, entscheidet deutlich ruhiger als jemand, der auf ein Gefühl wartet.
Rechnen Sie also nach, bevor Sie kündigen. Und rechnen Sie bitte ehrlich: mit den Beiträgen zur Kranken- und Rentenversicherung, mit der Zeit für Akquise und Buchhaltung und mit einer realistischen Auslastung statt einer optimistischen.
Und wenn Sie dann feststellen, dass es trägt? Dann freue ich mich mit Ihnen. Sie packen das. 🚀
➡️ Und falls Sie unsicher sind, ob Ihre Rechnung wirklich stimmt: Das ist ein guter Grund, einmal gemeinsam mit jemandem draufzuschauen, der solche Planungen kennt. Genau darum geht es in der zweiten Meinung. 90 Minuten, Ihre Zahlen, Ihr Preis und die Frage, was als Nächstes ansteht. ➜ Hier finden Sie alle Infos.
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